Multifunktionaler Aussichtsturm Titz-Jackerath – Ein Impulsbau für den Strukturwandel Garzweiler
Der Aussichtsturm Titz-Jackerath bildet einen frühen und weithin sichtbaren Baustein im Transformationsprozess der Tagebauregion Garzweiler. Als Impulsbau des Zweckverbands LANDFOLGE Garzweiler markiert er den Übergang von einer industriell geprägten Landschaft zu einem neuen, ökologisch ausgerichteten Lebensraum. Mit seiner konsequent zirkulären Bauweise, seinem modularen Nutzungskonzept und seiner Einbettung in ein klimaresilientes Freiraumsystem setzt der Turm ein Zeichen für nachhaltiges Bauen, regionale Identität und Zukunftsoptimismus. Er wird zu einem Ort, der Wandel sichtbar macht: als Landmarke, als Lern- und Begegnungsraum und als Auftakt für eine Landschaft, die sich in den kommenden Jahrzehnten grundlegend neu formiert.
Name
Multifunktionaler Aussichtsturm in Titz-Jackerath
Partner
Zweering Helmus Architekten Part GmbB
Platzierung
1. Preis
Leistung
Freianlagenplanung, Landschaftsgestaltung
Ort
Titz-Jackerath, Deutschland
Ein Impulsbau im Wandel – Ort, Kontext und Ziele
Der Aussichtsturm entsteht an einem Standort, der sinnbildlich für die Transformation des Rheinischen Reviers steht: am Rand des ehemaligen Braunkohletagebaus Garzweiler, unmittelbar an der zurückgebauten A61 und in direkter Nachbarschaft zur künftigen Seelandschaft. Ab 2036 beginnt das Grundwasser den neuen Garzweiler-See zu füllen, der sich bis 2066 zu einem etwa 2.200 Hektar großen Gewässer entwickeln wird. Bereits in den 2040er-Jahren sollen erste Uferbereiche erschlossen werden. Der Turm markiert hier einen frühen baulichen Auftakt – ein Signalbauwerk, das die spätere Seepromenade ankündigt und zugleich exemplarisch zeigt, wie ressourcenschonendes, zukunftsfähiges Bauen im Strukturwandel gelingen kann. Als Teil des „Blau-Grünen Bands Garzweiler“ versteht sich das Projekt als Beitrag zur „Exzellenzregion nachhaltiges Bauen“ und setzt Maßstäbe für klimabewusste Baukultur.
Zirkuläres Bauen als architektonisches Leitmotiv
Die Konstruktion des Aussichtsturms basiert konsequent auf Wiederverwendung. Stahlgerüste und Carportmodule aus dem stillgelegten Kraftwerk Frimmersdorf werden demontiert, transportiert und in angepasster Form neu verbaut.
Auf einer Grundfläche von 8 × 15 Metern entstehen sechs Ebenen, deren industrielle Herkunft bewusst sichtbar bleibt und Teil der architektonischen Erzählung wird.

Ergänzende Bauteile aus heimischen und nachwachsenden Rohstoffen fügen sich in das bestehende Tragwerk ein. Der Entwurf orientiert sich an einem Zielwertkatalog für ressourcenzirkuläres, klimafreundliches und kostenoptimiertes Bauen, der gemeinsam mit Werner Sobek Green Technologies entwickelt wurde. So wird der Turm zu einem Prototyp für zukunftsorientierte Materialkreisläufe.

Einbindung in die sich wandelnde Landschaft
Die Positionierung des Turms folgt nicht dem heutigen Bestand, sondern der künftigen Landschaftsentwicklung. Er bildet den ersten Fixpunkt einer neuen Freiraumstruktur aus Terrassen, Wegen und Aufenthaltsflächen.
Die unteren Ebenen bleiben als durchgängige, öffentliche Passage geöffnet und wirken wie ein „Tor in die Zukunft“, das Besucher vom Ort Jackerath in die entstehende Seelandschaft leitet.
In den darüberliegenden Geschossen befinden sich Nebenräume und ein multifunktionaler Veranstaltungsraum, der die markanten Kalkzylinder aus dem Ursprungsbau inszeniert.
Eine intensiv begrünte Ebene mit erhaltenen Industrieelementen symbolisiert die Verbindung von Rückbau und Renaturierung. Die oberste Plattform eröffnet einen weiten Blick über die zukünftige Wasserlandschaft und macht so den Wandel räumlich erfahrbar. Ein brandschutztechnisch ertüchtigter Treppenturm sowie ein barrierefreier Aufzug im angegliederten Pavillon sichern die Erschließung aller Ebenen.
Nutzung, Gestaltung und räumliche Flexibilität
Der Turm ist als modulares Hochregal konzipiert, das flexibel an verschiedene Nutzungen angepasst werden kann. Die geschlossenen Bereiche erhalten transparente Einbauten, die die rote Stahlstruktur sichtbar lassen.
Pfosten-Riegel-Fassaden mit hohem Glasanteil und textilem Sonnenschutz sorgen für Offenheit und Leichtigkeit.
Innenräume wie der große Multifunktionsraum mit mobiler Teeküche sind variabel bespielbar und eignen sich für Schulklassen, Ausstellungen, Veranstaltungen oder Bildungsprogramme im Kontext des Strukturwandels.
Der Aussichtsturm soll ein öffentlicher Ort sein – zugänglich, wandelbar und identitätsstiftend.

Freiraumkonzept – Eingang, Mobilität und Landschaft
Die Gestaltung des Umfelds fasst den Turm in ein dreiteiliges Freiraumsystem ein, das ökologische Anforderungen mit Aufenthaltsqualität verbindet.
Der Eingangsbereich öffnet sich als Plaza mit artenreichen Wiesen, Sitzangeboten, Schattenspendern und hochwertigen Belägen, die durch Muschelschotter aus regionaler Geologie ergänzt werden.
Im Osten entsteht ein Mobilitätshub mit 48 Stellplätzen, Fahrradabstellanlagen und wiederverwendeten Carports aus Frimmersdorf, die zu Solardächern umgerüstet werden. Regenwasser wird in Mulden und Retentionsflächen gesammelt und versickert, wodurch Überflutungsrisiken reduziert und Grundwasserreserven gestärkt werden.

Nördlich des Turms verbindet eine neue Platzfläche den Aussichtspunkt mit einer naturnahen Waldlichtung, die Spielangebote für verschiedene Altersgruppen bietet. Holzstrukturen, barrierefreie Elemente und eine mögliche Calisthenics-Erweiterung schaffen einen robusten, lebendigen Aufenthaltsraum mit hoher ökologischer Wirkung.
Ergänzend führen artenreiche Wiesen, heimische Baumarten und begrünte Dächer die Biodiversität vertikal fort und vernetzen den Turm mit seiner Umgebung.
Ein Bauwerk als Symbol der Transformation
Der Aussichtsturm Titz-Jackerath steht für den tiefgreifenden Wandel der Region Garzweiler. Er verbindet industrielle Vergangenheit, ökologische Zukunft und eine Baukultur, die auf Wiederverwendung, Ressourcenschonung und gesellschaftliche Offenheit setzt. Als Landmarke, Lernort und Treffpunkt bildet er einen identitätsstiftenden Auftakt für die entstehende Landschaft des Garzweiler-Sees – und zeigt, wie Transformation mit Mut, Klarheit und Nachhaltigkeit gestaltet werden kann.
Bildnachweis
Lageplan: ensphere GmbH
Perspektiven, Schnitte, Piktos: Zweering Helmus Architekten Part GmbB

